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Deutscher Titel: 
Brothers


Dieser Film ist ein Gedankenexperiment. Sind unsere moralischen Grundsätze nur eine Frage der Umstände, in denen wir uns befinden? Können wir sie über Bord werfen und danach genauso weiterleben wie vorher? Können die Umstände dazu führen, dass wir unser Leben radikal ändern, Verantwortung für uns und andere übernehmen? Und wie ist es, wenn durch die Umstände auf einmal die Rollen vertauscht sind?

Diesen Fragen geht der Film von Susanne Bier nach, die sich im Bereich der moralischen Melodramen schon durch Elsker dig for evigt einen Namen gemacht hat. Dogma-mäßige Inszenierung soll den Realismus der Story gewähren; Handkamera, unscharfe Einstellungen und die üblichen Verdächtigen. Trotz dieses Mittels bleiben die Figuren jedoch seltsam blutleer. Der Film vermittelt kein Zeitgefühl, man weiß nicht, wie viel Zeit vergeht. Das deutet einmal mehr darauf hin, dass es sich hier um ein Gedankenexperiment handelt. Es geht dem Autor gar nicht um die Figuren, sie sind ihm relativ egal; interessant ist der Typ, den sie verkörpern. Auch der Bezug zum Einsatz dänischer Soldaten in Afghanistan ist völlig nebensächlich, es bietet sich nur gerade als realistischer Aufhänger an.

An und für sich ist es ja nicht verkehrt, einen Film als Gedankenexperiment zu konzipieren. In diesem Fall arbeitet aber die Inszenierung gegen diese Konzeption, da die Inszenierung — wie es sich für eine heutiges dänisches Drama in der Nachfolge des Dogma 95 gehört — an der Realität kleben bleibt und gar nicht das Bedürfnis hat, über sie hinauszugehen. Dadurch entsteht ein Kampf zwischen Drehbuch und Inszenierung, bei dem dann weder Fisch noch Fleisch rauskommen. Die Figuren bleiben irgendwie irreal, nur ganz selten gehen sie einem nahe. Andererseits erschwert das Pochen auf den Realismus der Darstellung die Abstraktion, die für das Verständnis des Gedankenexperiments eigentlich notwendig ist.
Brødre ist für mich das Beispiel eines Films, bei dem das innovative bzw. befreiende Potential, das hinter Dogma gesteckt haben mag, wieder genauso einengend wirkt wie all die Beschränkungen, gegen die sich die Dogma-Begründer dereinst gewehrt haben. Der Teufel, so scheint es, ist mit dem Beelzebub ausgetrieben worden.

Meine Wertung: 
6

Filmography links and data courtesy of The Internet Movie Database.