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Deutscher Titel: 
Gomorrha - Reise in das Reich der Camorra



In seinem auf einem Tatsachenroman basierenden Film gibt Matteo Garrone dem Zuschauer kaum die Möglichkeit, sich zu orientieren. Eine richtige Hauptfigur gibt es nicht. Ähnlich wie in den Filmen von Robert Altman handelt es sich hier eher um ein Ensemble von Hauptfiguren.

Da ist Don Ciro, der Geldkurrier, der in ständiger Furcht vor einem Überfall lebt. Maria, deren Mann im Gefängnis ist und die auf sich allein gestellt ist, nachdem der Sohn die Seiten gewechselt hat. Der junge Toto, der zunächst unbeteiligter Zuschauer ist, dann aber ganz schnell in den Sog der Camorra gerät. Oder die beiden Großmäuler, die Waffen stehlen und sich wie Scarface fühlen, im entscheidenden Augenblick dann aber doch einfach nur Jungs sind. Geschichten werden angerissen, dann wieder vergessen, irgendwann aber wieder aufgenommen. Für den Zuschauer, der das narrative amerikanische Kino gewohnt ist (egal, ob es mit Zeitsprüngen arbeitet wie Tarantino), ist dieser Film sicher gewöhnungsbedürftig. Er erinnert eher an so einen Film wie Cidade de Deus (City of God), wobei der immer noch ästhetisch hip war und auch eine zentrale Hauptfigur hatte.

Garrone wirft einen geradezu dokumentarischen Blick auf die Camorra Neapels, und das ist oft schwer zu ertragen. Denn es gibt keine musikalischen Weichspüler oder coole Gangstermusik. Auch einen aufklärerischen Einblick in die Organisation und Strukturen wie etwa in Allein gegen die Mafia gibt es nur in geringem Umfang. Garrone zeigt uns stattdessen Szenen aus dem Alltag, Freunde werden zu Feinden und niemand wird verschont. Dennoch zeigt auch dieser Film, dass es auf individueller Ebene Möglichkeiten der Befreiung gibt. Ich denke da an den Schneider und den jungen Roberto.
Wer noch irgendwelche romantischen Vorstellungen vom Gangsterleben hatte, hier werden sie gründlich ausgetrieben. Garrones Film ist sozusagen der filmische Exorzismus unserer Vorstellungen von der coolen Mafiawelt. Das ist einerseits gut, weil es die filmische Repräsentation dieser Welt "geraderückt". Andererseits ist es auch ein Verlust filmischer Unschuld. Nach Gomorra sieht man die amerikanischen Mob-Filme mit anderen Augen. [Natürlich kann man sie immer noch lieben, die Coppolas, Scorseses, Leones etc.]

Meine Wertung: 
9
DVD: 

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Filmtipps zum Thema: 

Goodfellas bei Amazon

Es war einmal in Amerika bei Amazon

Tödliche Versprechen bei Amazon

Allein gegen die Mafia bei Amazon

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Filmography links and data courtesy of The Internet Movie Database.

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