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Still Walking (eigentlich: Aruitemo Aruitemo)

Deutscher Titel: 
Still Walking


Mad Men

"Als Gott am sechsten Schöpfungstage alles ansah, was er gemacht hatte, war zwar alles gut, aber dafür war auch die Familie noch nicht da. Der verfrühte Optimismus rächte sich, und die Sehnsucht des Menschengeschlechtes nach dem Paradiese ist hauptsächlich als dere glühende Wunsch aufzufassen, einmal, nur ein einziges Mal friedlich ohne Familie dahinleben zu dürfen."

So schrieb Kurt Tucholsky 1923. Doch damit nicht genug: auch die metaphysische Erlösung im Jenseits wird uns genommen. Denn sollten wir in den Himmel kommen, gäbe es auch dort den einen oder anderen Engel, der mit uns verwandt ist. Und die Hölle? Wenn wir erschreckt und im innersten Herzen gebrochen gen Hölle enteilen, werden wir nur feststellen: da sitzen alle, alle die andern.

Eine sehr pessimistische Sicht. Keine Aussicht auf Erlösung. Dabei lag Tucholsky die Lösung quasi vor der Nase. Denn wie schon der von ihm bewunderte Schopenhauer zeigte, kann ein Blick in die fernöstliche Kultur auch bei äußerst pessismistischen Aussichten immer noch ein gewisses Maß an Trost liefern. Und richtig: Still Walking macht uns nichts vor, was die Schrecken und Abgründe der Familie betrifft. Aber Kore-edas Meditation über die Familie vermittelt doch eine Zen-mäßige Gelassenheit, die uns mit diesem Schicksal versöhnen kann.
Wie macht er das? Indem er genau hinschaut, wie es sich für einen ehemaligen Dokumentarfilmer gehört. Kleine Gesten, Andeutungen reichen, um uns ein Bild der Lage zu vermitteln. So braucht er keine große Abrechnungsszene wie etwa Thomas Vintergerg in "Das Fest". Alles kommt gänzlich unspektakulär daher. Es wird keine Wertung vorgenommen, sondern einfach das, was passiert, als geschehend hingenommen. Die Gelassenheit des Blicks, die aber alles andere als willkürlich ist, sondern vielmehr einen großen Form- und Stilwillen verrät, überträgt sich auf den Zuschauer. Der Augenblick zählt, jeder einzelne Augenblick steht gleichberechtigt neben dem anderen. Ganz im Sinne des Zen werden die einzelnen Geschehnisse nicht wertend gesehen, sondern so, wie sie sind, nicht jenseits, sondern vor gut und böse. Wir mögen mit Ryoto Empörung empfinden, wenn sein Vater ihn als hoffnungslosen Fall behandelt, mit dem zu sprechen unnötig ist. Im nächsten Augenblick aber können wir dem Vater nicht mehr böse sein. Denn er sammelt liebevoll die Blüte vom Erinnerungsbaum an den älteren Bruder auf, der sein Leben bei der Rettung eines ertrinkenden Jungen verlor.

Tucholsky mag Recht haben, der Familie können wir nicht entkommen und sie ist die Hölle. Kore-eda zeigt uns aber, wie wir mit dieser Situation umgehen können: vollkommene Konzentration auf das, was im Augenblick ist. So können wir uns dem Ärger im Augenblick hingeben, aber auch der Freude, wenn wir z.B. am Strand spazieren gehen oder den Himmel betrachten.

Das mag sich esoterisch anhören und soll ganz sicher nicht bedeuten, dass man alles, was in der Familie mit einem passiert, schluckt. Schon gar nicht, wenn es um Missbrauch geht, wie in Vinterbergs Film. Aber in den seltensten Fällen braucht ein Familientreffen eine solch dramatische Katharsis. Meistens ist es doch so, wie Kore-eda es in seinem Film schildert. Es geschieht nichts Außergewöhnliches, nur der alltägliche familiäre Wahnsinn. Und dem scheint man am ehesten gewachsen zu sein, wenn man sich eine zen-mäßige Gelassenheit aneignet, wie sie Kore-eda in seinem Film vermittelt.

Meine Wertung: 
8
DVD: 

Filmography links and data courtesy of The Internet Movie Database.

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