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Deutscher Titel: 
Another Year

Mit den Augen eines Philanthropen

Another Year

Mike Leigh liebt seine Figuren. Das merkt man spätestens dann, wenn man sich klar macht, was ein zynischer Regisseur aus dem Stoff gemacht hätte: eine Freakshow, bei der sich der Zuschauer über die Parade erstklassiger "Loser" göttlich amüsiert hätte. Hier ist eine Reihe von fiftysomethings, auf die man herabschauen kann, erbärmliche Figuren, die das eigene jämmerliche Dasein erträglicher machen. Diese Art von Zynismus wird jedoch in den Reality-Shows im Fernsehen schon hinreichend zelebriert. Dafür braucht man also nicht ins Kino gehen. Mike Leigh zeigt uns die Menschen hinter der Fassade. Und das schafft er, indem er einfach etwas genauer hinschaut und seine Figuren so akzeptiert, wie sie sind: ohne große Ambitionen und zufrieden mit dem, was sie haben einerseits, voller Widersprüche und Verzweiflung andererseits — menschlich halt.

Im Wechsel der Jahreszeiten

Frühling, Sommer, Herbst und Winter bilden die Struktur des Films. Wir begleiten das Paar Tom und Gerri durch die vier Jahreszeiten, erleben ihren Alltag in ihrem kleinen Schrebergarten und vor allem mit ihren Freunden und ihrer Familie. Tom und Gerri sind noch berufstätig, er als Geologe und sie als Therapeutin im öffentlichen Dienst. Sie richten sich jedoch schon auf das Leben im Ruhestand ein und es ist klar: die beiden fallen nicht in das Loch plötzlicher Untätigkeit, das so viele Rentner erwartet.
Den Gegenpol zu dem in sich selbst ruhenden Paar bilden die Freunde, besonders Mary und Ken. Mary ist eine Kollegin von Gerri. Sie ist einsam und sehnt sich nach einer Beziehung, wie Tom und Gerri sie haben. Objekt ihrer Sehnsucht ist Joe, der Sohn von Tom und Gerri. Ihre unbeholfenen und peinlichen Versuche, sich Joe zu nähern, könnten für zahlreiche billige Lacher sorgen, wäre da nicht der genaue Blick der Kamera und das hervorragende Spiel von Lesley Manville.
Ken ist ein alter Freund von Tom. Es scheint, als wolle er sich durch den übermäßigen Konsum von Alkohol, Zigaretten und Essen umbringen. Letztlich will er damit jedoch nur seinen Frust ersticken. Er muss ständig etwas essen, trinken oder inhalieren, um nur nicht an den Punkt zu kommen, an dem er über seine Gegenwart nachdenkt.
Im letzten Teil lernen wir Toms Bruder Ronnie kennen. Er hat gerade seine Frau Linda verloren. Ronnies Familie ist sozusagen das Negativ von Tom, Gerri und ihrem Sohn Joe. Während letztere ein harmonisches und unspektakuläres Familienleben führen, haben Ronnie und sein Sohn Carl sich jahrelang nicht gesehen. Der Sohn empfindet offensichtlich nichts als Hass für seinen Vater. An ihrer Beziehung ist nichts Herzliches.
Mit dem Winter endet der Film. Wie es weitergeht, ist offen. Bleibt alles so wie es ist? Oder können Mary und Ronnie sich aufraffen und etwas in ihrem Leben ändern? Nach einem weiteren Jahr kommt schließlich wieder der Frühling. Es ist also durchaus legitim, zu hoffen.

Ich will aber da sein

In der Sesamstraße gibt es eine Geschichte, in der ein kleines Monster zwischen zwei großen hin und her rennt, weil es DA sein will. Immer, wenn es bei einem angekommen ist, wird es mit den Worten begrüßt: "Schön, dass Du hier bist", worauf es dann immer verzweifelter ruft: "Ich will aber DA sein". Wenn es dann zu dem anderen Monster DA drüben geschickt wird, wiederholt sich das Ganze. Das geht so lange, bis die beiden Erwachsenen genug haben, das kleine stehen lassen und ihm zurufen, es solle jetzt DA bleiben. Endlich hat das kleine Monster es geschafft, es ist DA! Nur um kurz darauf einem Freund zu begegnen, der sich freut, dass es HIER ist.
Zu Beginn von Another Year gibt es zwei Szenen mit Janet (Imelda Staunton), die unter Schlaflosigkeit leidet. Sie ist offensichtlich depressiv. Als Gerri sie fragt, was sie glücklich machen würde, antwortet sie: "Ein anderes Leben." Gerri erwidert darauf, dass Veränderung nicht einfach sei, woraufhin Janet sagt: "Nichts ändert sich jemals."
Die Szenen mit Janet bringen auf den Punkt, worum es in Mike Leighs Film geht und was der Geschichte in der Sesamstraße zugrunde liegt. Auf der einen Seite sind die Figuren, die sich mit dem "Hiersein" angefreundet haben. Tom und Gerri ruhen in sich selbst und leben ein bescheidenes, aber glückliches Leben. Joe und seine neue Freundin Katie scheinen in ihre Fußstapfen zu treten.
Auf der anderen Seite sind die Figuren, die lieber DA sein wollen. Mary sucht verzweifelt nach einer ebenso glücklichen Beziehung wie Tom und Gerri sie haben. Was wäre einfacher, als über den Sohn daran teilzuhaben? Ken hängt der Vergangenheit nach und stopft alles in sich rein, um die Gegenwart möglichst wenig wahrzunehmen. Bei Ronnie hat man lange Zeit das Gefühl, als sei er schon DA, als sei er nur noch körperlich anwesend, während er geistig schon im Jenseits bei seiner Frau ist. Die Zeit, die er bei Tom und Gerri verbringt, und das Treffen mit Mary haben ihn aber ein bisschen wachgerüttelt. Auch wenn das Ende offen ist, wünscht man Mary und Ronnie doch, dass sie es schaffen, endlich mal HIER zu sein. Und wie gesagt: Hoffnung ist legitim — denn auf den Winter folgt der Frühling.

Meine Wertung: 
8
DVD: 
Another Year bei Amazon
Filmtipps zum Thema: 

Die Szene aus der Sesamstraße, einfach köstlich, besonders der Anfang, wo Lulatsch und Krümel über Kekse reden, leider schlechter Ton.

Filmography links and data courtesy of The Internet Movie Database.