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Tree of Life - Malick als filmischer Philosoph

Plakat Tree of Life

Ja, es gibt eindeutig Schwächen in Tree of Life. Das sollte uns aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier immer noch ein Meister seines Fachs am Werk ist, von dem sich die meisten noch viel abschauen können. Hier ist nicht unbedingt eine Kritik, eher ein Nach-Denken über Malicks neuen Film.

Was ich von Tree of Life halte

Um es gleich vorweg zu sagen: Tree of Life ist nicht mein Lieblingsfilm von Terrence Malick. Das wird sich wohl auch nicht ändern, selbst wenn ich ihn mir öfters ansehe. Und das werde ich zweifellos tun.
Der Ausflug in die Geschichte des Universums und der Erde ist, trotz der atemberaubenden Bilder, einfach zu viel. Immerhin handelt es sich hier nicht um einen IMAX Film. Ich kann gut verstehen, dass Zuschauer lachen mussten. Die Musik kleistert bombastisch-pastoral alles zu und hat bei weitem nicht den Effekt, den sie etwa bei Kubrick in 2001 hat.

Trotz alldem ist Tree of Life in seinen guten Momenten - dazu zähle ich vor allem die Sequenzen mit der Familie in Texas - das Beste, was in den letzten Jahren im Kino lief. Jedes Bild, jede Geste und jeder Blick scheinen eine Bedeutung zu haben, die über sie hinausweist, sie zum Teil eines größeren Zusammenhangs macht. Dabei ist gar nicht mal klar, wieso eigentlich. Ebenso dunkel bleibt, wie Malick das zustande bringt. Ich versuche mal, etwas Licht in besagtes Dunkel zu bringen:

Was Tree of Life zu etwas Besonderem macht

Klar ist, dass Malick eine ganz eigene Art der Filmsprache hat. Die Kamera ist, wie die Gedanken der Figuren, ständig im Fluss. Der Schnitt findet in der Bewegung statt und in die Bewegung hinein. Obwohl die Auswahl des Bildausschnitts (im Fachjargon: Cadrage, sprich: kadrahsch) im Einzelnen beliebig erscheint, ist sie doch wohl durchdacht und extrem durchkomponiert. Man schaue sich einmal den Trailer allein unter dem Aspekt der Bildkomposition an und wird das bestätigt finden. Das heißt, dem Film wohnt ein hohes "Selbstbewusstsein" um seine Bilder inne. Dadurch vermittelt sich eine ungeheure Dichte und Intensität dieser Bilder. Vielleicht entsteht dadurch auch der Eindruck, dass alles mit Bedeutung aufgeladen ist.

Der Vergleich zu Kubrick ist übrigens nicht nur durch den Bezug auf 2001 berechtigt. Denn wie alle großen Regisseure ist Malick in erster Linie ein filmischer Erzähler. Dialoge, Ereignisse oder Charakterentwicklungen stehen bei ihm nicht im Vordergrund. Wichtiger sind ihm das Erzählen und Hervorrufen von Emotionen und Ideen durch Bild und Ton. Im Gegensatz zu Kubrick ist Malick ein sehr emotionaler Erzähler, der seine Bilder mit viel Pathos auflädt. In Tree of Life scheint hier allerdings des Guten zu viel getan worden zu sein, besonders gegen Ende des Films. Aber vielleicht sind wir als Zuschauer auch nur zu zynisch und abgestumpft? Wollen solch tiefe Gefühle gar nicht an uns heranlassen? Gefühle, gut und schön, aber bitte nicht zu tief und zu viel - ist doch schließlich nur ein Film, oder?

Ein Ausflug in die Philosophie

Malick ist ein studierter Philosoph. Er hat Heidegger ins Englische übersetzt, sich außerdem mit Kierkegaard und Wittgenstein beschäftigt und am MIT Philosophie gelehrt. Es sei mir daher vergönnt, etwas Philosophisches in seinen Filmen zu suchen.

Kierkegaard

Kierkegaard zufolge gibt es drei Stadien der menschlichen Existenz: ästhetisches, ethisches und religiöses.

Im ersten lebt der Mensch in der Unmittelbarkeit der sinnlichen Empfindung. Er hat sein Selbst noch nicht erkannt und ist deshalb verzweifelt, weil er mit sich selbst nicht im Reinen ist. Es gibt eine Figur in Malicks Filmen, die dieses Stadium m.E. paradigmatisch vorführt: der von Nick Nolte gespielte Lt.Col. in The Thin Red Line.

Im ethischen Stadium erkennt der Mensch sich als Körper und Geist. Er reflektiert das Verhältnis beider zueinander. Allerdings findet er in sich selbst keine Begründung für den Geist, der nicht der Kausalität der Welt unterworfen zu sein scheint. Diesen Grund kann er nur im absoluten Unbekannten (=Gott) finden. Setzt der Mensch sich nicht ins Verhältnis zu Gott, bleibt er verzweifelt, entweder, weil er verzweifelt er selbst (ohne Gott) sein will, oder weil er verzweifelt nicht er selbst (mit Gott) sein will.
Die Soldaten in Thin Red Line und die Figuren in Tree of Life befinden sich ständig im Monolog mit dem absoluten Unbekannten, auf der Suche nach ihm. Sie befinden sich auf dieser Zwischenstufe, haben etwas Göttliches in sich und der Welt erkannt, es aber noch nicht als Teil ihres Selbst gesetzt. Heidegger (siehe unten) würde sagen, dass sie noch im Subjekt-Objekt-Denken befangen sind.

Im religiösen Stadium setzt der Mensch sich in ein existenzielles Verhältnis zu Gott. Das kann nur im Glauben geschehen, da eine intellektuelle Gotteserkenntnis unmöglich ist. Das existenzielle Verhalten zu Gott ist immer momenthaft. Der Mensch fällt immer wieder in seine eigene Existenz zurück, er verrückt seine Selbst-Ordnung. Nur in dem Augenblick des Glaubens ist das Selbst im richtigen Verhältnis zu sich selbst und existiert momenthaft ohne Verzweiflung.
In Tree of Life wird das Momenthafte des Glaubens besonders stark an der Figur der Mutter vorgeführt, die von ihrem Glauben abzufallen droht, als ihr Sohn stirbt.

Heidegger

Ich bin kein Experte für Heidegger und habe mich auch nicht an seine Texte gewagt. Also werde ich hier mit etwas Halbwissen glänzen.
Zentral in seiner Philosophie ist wohl der Begriff "In-der-Welt-sein". Mit diesem Neologismus zielt Heidegger auf die Aufhebung der Subjekt-Objekt-Struktur (Ich-Welt) unseres Weltverständnisses ab. Die Welt ist ihm zufolge eine Bedeutungsganzheit (nicht die Summe der Teile), in der sich die Dinge sinnhaft aufeinander beziehen. Der Mensch steht ihr nicht gegenüber, sondern ist Teil von ihr. Auf Hölderlin zurückgreifend sieht Heidegger in dem Subjekt-Objekt-Denken von Philosophie und Wissenschaft die Seinsvergessenheit des Menschen, den Verlust des Göttlichen. Dieser Begriff bezieht sich dabei nicht auf ein Jenseitiges, sondern auf die gewandelte Beziehung zwischen Menschen und den Umgang des Menschen mit der Natur.

Wenn man die Filme Malicks sieht, bekommt man das Gefühl, sie wollten die Heidegger'sche Philosophie bebildern. Die Vermischung von Mensch und Natur, das ständige sich auf die Natur Beziehen, das sich zu ihr ins Verhältnis Setzen der Figuren führt uns ebengerade dieses "In-der-Welt-sein" vor und die Subjekt-Objekt-Aufteilung ad absurdum. In diesem Sinne will Malick uns von unserer Seinsvergessenheit befreien.

Wittgenstein

Wer kennt nicht Wittgensteins apodiktische letzte Aussage aus dem Tractatus-Logico-Philosophicus: "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen."? Wittgenstein verbannt damit alles Reden über Gott und Ethik. Denn die "Ethik lässt sich nicht aussprechen" und "Gott offenbart sich nicht in der Welt". Wittgenstein outet sich allerdings auch als Mystiker: "Nicht wie die Welt ist, ist das Mystische, sondern dass sie ist." Oder: "Das Gefühl der Welt als begrenztes Ganzes ist das mystische." Oder: "Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische."
Wittgenstein und Heidegger werden oft als unterschiedliche philosophische Pole behandelt. Wenn man aber mal vom Stilistischen absieht, scheinen sie gar nicht so verschieden voneinander zu sein.

In Malicks Filmen sieht man die Figuren im ständigen Ringen mit den Grenzen der Sprache. Sie versuchen immer wieder, gegen das Sprachverbot Wittgensteins verstoßend, ihr mystisches Gefühl in Worte zu verpacken. Und, mit allem Verlaub, Herr Wittgenstein, das ist menschlich und kann nicht per Dekret verboten werden. Im Zusammenhang mit den Bildern erfahren wir Zuschauer dieses Unaussprechliche. Es hat vielleicht tatsächlich etwas Mystisches. Auf mich haben die Malick-Filme zumindest immer eine mystisch-meditative Wirkung.

Fazit

Malick hat einen überaus interessanten und zum Denken anregenden Film gemacht, in dem man viele philosophische Gedanken wiedererkennen kann. Seine Bildsprache ist einmalig und von einer so hohen Bewusstheit und Dichte, die anderen aktuellen Filmen abgeht. Lediglich die Einbettung in den Gesamtzusammenhang des Universums ist unpassend und lässt den Film ins Kitschig-Lächerliche abgleiten. Trotzdem ist es ein in seinem Scheitern immer noch grandioses kleines Meisterwerk.

Meine Wertung: 
8
DVD: 
noch nicht verfügbar

Filmography links and data courtesy of The Internet Movie Database.