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The Yes Men Fix the World

Filmplakat Yes Men Fix the World

Die Yes Men praktizieren eine neue Form von politischem Aktivismus, der viel Aufmerksamkeit erregt und überaus unterhaltsam ist. Mit denen kann ich mir schon eine Revolution vorstellen, auf der ausgiebig getanzt wird.

Bhopal

Anfang Dezember 1984 geschah eine der schlimmsten Chemie- und Umweltkatastrophen im indischen Bhopal. In einem Werk der Firma Union Carbide gelangten tonnenweise giftige Stoffe in die Atmosphäre. Die Ursache war relativ klar: Gier und Gewinnstreben hatten dazu geführt, dass Sicherheitsmaßnahmen und Personal wesentlich reduziert wurden. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die stark vernachlässigte Anlage hochging.

Es ist unklar, wie viele Menschen dabei starben - Schätzungen liegen zwischen 4.000 und 25.000, die durch direkten Kontakt mit der Gaswolke gestorben sind. Man geht von weiteren 500.000 Verletzten aus, die bis heute unter den Folgen des Unfalls leiden. Menschen sind erblindet, erlitten Hirnschäden, Lähmungen, Lungenödeme, Herz-, Magen-, Nieren-, Leberleiden und wurden unfruchtbar. Die noch fruchtbaren waren aber auch nicht zu beneiden, da es zu Fehlbildungen bei Neugeborenen kam.

Nach einem fünfjährigen Rechtsstreit zahlte Union Carbide 470 Millionen Dollar (ihr Jahresumsatz zu der Zeit: 9,5 Milliarden Dollar) an den indischen Staat, der das Geld jedoch nur in geringem Umfang an die Opfer weitergab. Dow Chemical, die Union Carbide 2001 kauften, sahen nie die Notwendigkeit, irgendetwas an Gutmachung oder auch nur Wiederaufbau zu leisten. Das Gelände ist nach wie vor verseucht, krebserregende Chemikalien gelangen weiterhin in das Grundwasser und die Menschen vor Ort haben immer noch darunter zu leiden. Einer Greenpeace-Studie zufolge würde eine Sanierung des Geländes bei etwa 30 Millionen Dollar liegen.

Ein Unternehmen tut das Richtige - und wird dafür bestraft!

Jude Finisterra

20 Jahre nach dem Bhopal-Unglück gab ein Dow-Chemical Sprecher, Jude Finisterra, der BBC ein Interview, in dem Dow Chemical die volle Verantwortung übernahm und bekanntgab, Union Carbide zu liquidieren, um 12 Milliarden Dollar an die Überlebenden des Unglücks zu zahlen.

Zu schön, um wahr zu sein? Stimmt. Jude Finisterra war in Wirklichkeit Andy Bichlbaum, ein Yes-Man. Dow-Chemical hatte nichts mit der Sache zu tun. Außer: innerhalb kürzester Zeit war der Wert dieser Firma an der Börse um 2 Milliarden Dollar gesunken. Besser konnte man die Absurdität und Perversität unseres Systems kaum vor Augen führen. Hier war anscheinend eine Firma, die mal wirklich verantwortlich und moralisch korrekt handelte. Und sie wurde dafür bestraft.

Läuft da nicht irgendwas schrecklich verkehrt? Nicht, wenn es nach Milton Friedman geht, dem Papst des radikalen Liberalismus, dem Regierungen von Reagan bis Bush, von Thatcher bis Blair folgten. Sein nicht zu überschätzender Einfluss auf die gesamte Weltökonomie ist hervorragend in Naomi Kleins Die Schock-Strategie herausgearbeitet worden. Regierungen sollen ihm zufolge nur die Rolle spielen, den Weg für Gier und Selbstinteresse frei zu machen. Der Markt würde alles von selbst regeln.

Die Yes-Men: eine ebenso einfache wie geniale Form des Aktivismus

Die Yes Men, das sind Andy Bichlbaum und Mike Bonanno, hatten schon vor ihrem Dow Chemical Auftritt auf diversen Tagungen Vorträge gehalten, in denen sie die Logik dieses freien Marktes bis ins Zynische hinein übertrieben. Das erschreckende war nur: niemand störte sich daran. Ihre Vorschläge - Gerechtigkeitsgutscheine für Reiche, die damit Menschenrechtsverletzungen begehen durften; die Wiedereinführung der Sklaverei, allerdings in den Ursprungsländern - wurden ernsthaft aufgenommen und in Erwägung gezogen.

The Yes Men Fix the World ist ein Dokumentarfilm, der mit der Bhopal-Aktion beginnt und die nachfolgenden Aktionen des Yes Men erfasst. Ihr Prinzip ist eigentlich recht simpel: A person (male or female) becomes a Yes Man by exposing, perhaps deviously, the nastiness of powerful evildoers.

Im Gegensatz etwa zu Michael Moore, der sich selbst einfach viel zu wichtig nimmt, haben die Yes Men ein geniales Konzept gefunden, mit dem sie sowohl Aufklärung und Gegenöffentlichkeit als auch eine Form kreativen Widerstands unter einem Hut vereinen. Sie sind weiterhin tätig, wie man ihrer Website entnehmen kann. Außerdem bieten sie sogar Coaching an (Yes-Lab, für alle, die mal eine ähnliche Aktion starten wollen.

Der Film ist frei verfügbar und auf youtube anzuschauen. Hier ist die offiziell freigegebene Version mit einem kleinen Vorfilm von 2009, der zeigt, dass die Jungs immense Aufmerksamkeit erregen können und immer noch gute Ideen haben:

Meine Wertung: 
8
DVD: 
Siehe die Film-Website

Filmography links and data courtesy of The Internet Movie Database.