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Gewalt gegen Gene

In der Online-Ausgabe der Zeit vom 20. Juli erschien unter der Rubrik "Wissen" ein Artikel vom Leiter des Ressorts Andreas Sentker. Der Artikel trägt den Titel "Grüne Gentechnik: Ökoterror". Sentker bezieht sich dabei auf eine Attacke von so genannten Feldbefreiern, die auf einem Versuchsfeld Genmais vernichteten, dabei das Wachpersonal einsperrten und bedrohten und so auch noch in den Besitz geheimer Dokumente gelangt sind. Ein Bekennerschreiben sowie einige der Dokumente sind bei der taz eingegangen.

Sentker bezeichnet die Aktion als Tiefpunkt der aktuellen Debatte um Gentechnik. Da die Gegner keine schlagenden Argumente hätten, griffen sie zu Schlagstöcken. Die Täter hätten kein Unrechtsbewusstsein, vertrieben jetzt nach den gentechnisch modifizierten Nutzpflanzen auch noch die letzten universitären Forscher von den Äckern.

Man kann über die vermeintliche Gewalttätigkeit der Aktivisten denken, was man will - und schaut man sich die Kommentare zu Sentkers Artikel an, findet man ziemlich viele Menschen, die sie gutheißen - eines ist sicher: Herr Sentker macht in seinem Artikel, gewollt oder ungewollt, Propaganda für die Gentechnik-Lobby.

In seinen Augen ist die Aktion ein Angriff auf die Forschungsfreiheit. Das scheint mir in mehrerer Hinsicht zu simpel zu sein.

  1. Es impliziert zunächst einmal, dass die dort betriebene Forschung frei ist. Sentker gibt selbst zu, dass die Universität mit der Wirtschaft zusammenarbeitet. Es ist daher zumindest legitim, die behauptete Freiheit nachgewiesen zu bekommen. So ist es nur eine Behauptung, die der Leser Herrn Sentker glauben kann oder auch nicht.
  2. Wenn die Forscher gleichzeitig daran arbeiten, ihre Erkenntnisse zu verkaufen und gegebenenfalls ein eigenes Unternehmen zu gründen, ist die Frage legitim, ob hier Forschungs- oder Wirtschaftsinteressen verfolgt werden.
  3. In "Leben außer Kontrolle" (siehe unten) schätzt Teerje Traavic, dass 95% aller Wissenschaftler, die sich mit Gentechnik beschäftigen, für die Industrie arbeiten und nur 5% unabhängig sind. Wie hoch also ist die Wahrscheinlichkeit, dass es sich hier um freie Forschung handelt?

Hinzu kommt, dass die Bedenken der Aktivisten nicht einmal erwähnt werden. Die begründete Furcht, dass genmodifiziertes Material sich auf andere Felder ausbreitet wird nicht thematisiert, stattdessen werden die Aktivisten als Ökoterroristen gebrandmarkt, die kein Unrechtsbewusstsein haben. Dabei erscheinen sie in meinen Augen sehr wohl ein solches zu besitzen. In ihren Augen ist es ein Unrecht, genmodifiziertes Material in die Umwelt zu entlassen, das ihre Pflanzen gefährdet. Herr Sentker hat anscheinend einen klar definierten Begriff von Unrecht, in dem die Interessen von Ökobauern nicht vorkommen.

Übrigens: In Österreich hat sich die Universität Graz die (Forschungs-)Freiheit genommen und erst gar nicht gefragt, ob sie gentechnisch veränderte Pflanzen anbauen darf.

Zu guter Letzt wird verschwiegen, dass in den erbeuteten Papieren nicht nur Vorgehensweisen gegen ungeliebte Kritiker beschrieben werden. Sie enthielten auch Dossiers über bestimmte, namentlich bekannte Personen, die der Gentechnik gegenüber kritisch eingestellt sind. Seit wann geht Forschungsfreiheit mit solchen Praktiken einher?

Schon vor nunmehr zwei Jahren lief auf arte eine Dokumentation von Marie-Monique Robin über Monsanto. Hier wird einmal durchexerziert, wie sehr Forschung und Wirtschaft sowie Politik zusammenhängen und welche realen Gefahren hinter einer Gentechnologie stehen, die keinen Einschränkugnen unterworfen wird. Forschungsfreiheit ist gut und schön. Sie sollte aber letztlich den Menschen dienen oder nicht?

Auf youtube ist der Film von Robin anzuschauen. Ein absolutes Muss.

Ein weiterer, sehr empfehlenswerter Film zu Landwirtschaft und Gentechnologie: