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Barfly ist nicht nur eine gelungene Studie über Menschen am Rande der Gesellschaft. Im Mittelpunkt steht die radikale Verweigerung gegenüber allen gesellschaftlich sanktionierten Lebensentwürfen. Und Mickey Rourke spielt hier eine seiner besten Rollen.

Die Story

Es ist nicht leicht, Henry Chinaski gern zu haben. Er ist ein eitler Pfau, der herumstolziert als müsste ihm die ganze Welt zu Füßen liegen, als sei er etwas Besseres. Dabei sieht er aus wie ein Penner, der sich gehen lässt, ein Penner mit aristokratischen Zügen sozusagen. Sein einziger Ehrgeiz scheint zu sein, genug zu saufen zu haben und sich mit dem Barkeeper Eddie zu prügeln, der stärker ist als er und gegen den er nur ausnahmsweise einmal gewinnt. Ab und zu schreibt er mal etwas, das scheint aber auch eher aus ihm herauszufließen und er macht sich nicht die Mühe es irgendwie aufzubewahren. Er reißt die Zettel ab und wirft sie einfach in die Gegend.

Als er einmal gegen Eddie gewinnt und dadurch zu etwas Geld kommt, geht er in die nächste Bar, um das Geld zu versaufen. Dort lernt er Wanda kennen, eine Trinkerin, die ihn mit zu sich nach Hause nimmt. Wanda lässt sich von Wilbur aushalten, einem alten Knacker, den sie ab und zu einmal besucht. Henry und Wanda ziehen zusammen, sie lieben und sie streiten sich. Wanda zieht gleich am ersten Tag mit Eddie los, weil der eine Flasche Whiskey hat. Henry wird von Tully Sorenson aufgestöbert, die ihm einen Scheck über 500 Dollar für seine Geschichten gibt. Er zieht mit ihr los, trinkt mit ihr und verbringt die Nacht bei ihr.

Wieder zurück bei Wanda, vertragen sich Henry und sie, ziehen in seine Stammkneipe, um das Geld zu versaufen. Als Tully dort auftaucht, fängt Wanda einen Kampf mit ihr an, den sie gewinnt. Tully zieht von dannen, erkennt, dass Henry nichts von ihr und ihrem goldenen Käfig wissen will. Der Film endet, wie er begann: Henry und Eddie gehen in den Hinterhof, um wieder einmal gegeneinander zu kämpfen.

Die Figur Henry Chinaski

Chinaski ist Bukowskis alter ego. Die Frage, was an der Figur autobiographisch ist und was nicht, erscheint mir hier allerdings uninteressant. Viel mehr interessiert mich die Frage, was diese Figur so faszinierend macht.

Das Gegenteil braucht kaum hergeleitet zu werden. Chinaski ist ein widerlicher Typ. Heruntergekommen, ungepflegt, unsympathisch, egozentrisch und stolz. Dabei hat er doch gar nichts, auf das er stolz sein kann, denkt sich der "normale" Zuschauer. Er führt ein erbärmliches Leben in ärmlichen Verhältnissen, ist nichts, macht nichts, außer sporadisch zu schreiben und sich ansonsten die Kante zu geben. Und dabei könnte er anders leben, wenn er nur wollte! Ein verschwendetes Leben!

Und da wir schon beim Verschwenden sind: warum sollte man sich einen solchen Typen ansehen? Seine wertvolle Zeit mit der Geschichte von diesem Penner verbringen? Um akribisch gepflegte Vorurteile bestätigt zu bekommen - vielleicht, das wäre eine Möglichkeit. Die finde ich allerdings eher abstoßend. Also zurück zur Frage, was Chinaski so faszinierend macht.

Henry schert sich einen Dreck um die Ideologie, dass man etwas leisten muss und etwas zu sein hat: "This is a world where everybody's gotta do something. Y'know, somebody laid down this rule that everybody's gotta do something, they gotta be something. Sometimes I just get tired of thinking of all the things that I don't wanna do. All the things I don't wanna be."

Stellen wir uns nicht auch manchmal ähnliche Fragen, etwa in unseren "schwachen Momenten" (die vielleicht gar nicht schwach, sondern eher luzide sind)? Warum sollte der Wert eines Menschen über seine Leistung und seine gesellschaftliche Rolle bestimmt werden? Wozu bedarf es eines solchen sozialen Korsetts? Um das Individuum zu ermöglichen oder um es zu zerstören? Maybe both, maybe neither

Hinter Chinaskis Verweigerung steckt weder Trägheit und Faulheit noch gesellschaftliches Versagen. Nein, es ist seine Revolte gegen eine Gesellschaft, die im Oberflächlichen verharrt, verlogen ist, die fest geschriebene Bahnen hat, in denen ein Leben zu verlaufen hat, die sich anmaßt, den Wert eines Individuums bestimmen zu können.

Gegenüber Tully sagt Henry einen entscheidenden Satz: Ausdauer (endurance) sei wichtiger als Wahrheit. In diesem Zusammenhang seine die letzten Worte aus Faktotum zitiert, einem ganz ähnlichen Film nach einem Roman von Bukowski, mit derselben Hauptfigur (hier von einem hervorragenden Matt Dillon dargestellt):


"If you're going to try, go all the way. Otherwise don't even start. This could mean losing girlfriends, wives, relatives, jobs, and maybe your mind. It could mean not eating for three or four days. It could mean freezing on a park bench. It could mean jail. It could mean derision. It could mean mockery, isolation. Isolation is the gift. All the others are a test of your endurance. Of how much you really want to do it. And you'll do it, despite rejection in the worst odds. And it will be better than anything else you can imagine. If you're going to try, go all the way. There is no other feeling like that. You will be alone with the gods. And the nights will flame with fire. You will ride life straight to perfect laughter. It's the only good fight there is."

Und hier sind wir beim Herzen der Sache. Das ist das wirklich Faszinierende an Chinaski: die Ausdauer, mit der er seine Revolte durchzieht und das Glück, das er dabei empfinden kann.

Meine Wertung: 
8
Filmtipps zum Thema: 

Filmography links and data courtesy of The Internet Movie Database.